Bemerkenswert

Zur Orientierung: Karten und chronologisches Inhaltsverzeichnis

Interaktive Überblickskarte von Lonely Planet

Traditionelle Überblickskarte von Lonely Planet

Liebe Leserin, lieber Leser!

Die Überblickskarten des australischen Lonely-Planet-Verlags für Reiseführer sind nützlich, um die hier gezeigten und beschriebenen Orte und Landschaften einordnen zu können. Sie bieten auch zusätzliche Informationen, die vielleicht bei der Reiseplanung helfen. Der Name „Lonely Planet“ hat mich schon immer amüsiert. Angeblich hat der Verlagsgründer einen Songtext missverstanden („Space Captain“ von Matthew Moore), wo von einem „Lovely Planet“ die Rede ist. Wie auch immer…! Sicher ist:

Man fühlt sich nur selten „lonely“ in dieser Weltgegend, denn es leben viele freundliche und gesellige Menschen hier (in Vietnam allein 95 Millionen).

Vietnam und seine Nachbarstaaten sind aber überall „lovely“.

Inhaltsverzeichnis (Titel und Link)

Le Nin, Bia und Chau

Wem die Trommel schlägt…

Good Morning, Vietnam!

Kim Chi und Châu Anh

Truong Huy

Die Schönen und die Lotusblüten

Über das Landleben

Die Prinzessin repariert die Pagode …

Über sechs Brücken musst du gehen …

Enjoy Ha Noi!

Lazing on a Sunny Afternoon in Cát Bà

Lạng Sơn: Wo Lena ihren Vater fand

Sài Gòn – Mekong – Đà Lạt – Hà Nội

„Warum lernst du Deutsch?“ – „Weil ich in Greifswald studieren will.“

Spazieren durch Sài Gòn

Oberst Nguyên Đan aus der Wiedner Hauptstraße

Tam Đảo: Einmal Dachs und Stachelschwein!

Instant-Urlaub: Hà Giang

Deutschland nach einem Jahr: Landarbeit, Hammel, erschossene Ex-Bundeskanzler und die Mecklenburger Küste

Im nahen Osten: Bratislava. Radeln in die Vergangenheit.

Träumen in Thailand

Sympathische Thais: Elefanten

Trekking in Sa Pa

Spielarten des Tourismus und ihr Auftreten in Vietnam

Frankreich und Hanoi (1): Das Hoa Lo-Gefängnis

Ein Jahr Vietnam

Nguyễn Ái Quốc / Nguyen der Patriot: Ein Interview.

Vietnamesischer Lehrertag: Hier sind wir wer! (Aber ein Vertrag mit angemessener Bezahlung wäre auch nicht schlecht…)

Fly Me To The School Yard!

Fest in russischer und chinesischer Hand: Nha Trang und Mũi Né

Weihnachtspost aus dem Cúc Phương- Nationalpark

Reden ohne zu sprechen: Ein Tag mit dem Team von „Vietnam Sustainability Social Enterprise“

Kambodscha für Ahnungslose: Siem Reap, Angkor Wat, Battambang

Kep: Take a rest!

Pnom Penh: Lebensfreude und Gespenster

Das Debakel der Franzosen: Dien Bien Phu

Chúc ngon miệng! Guten Appetit!

Fundstück aus den Tiefen des Internets: Die Rosenbaumdoktrin

Phong Nha – unterirdische Kathedralen der Stille

Tiếng Việt cho người nước ngoài / Vietnamesisch für Ausländer

Korea: Eine Woche lang staunen

Sommer im Winter, Winter im Sommer

Die Stadt, der Müll und die Ratlosigkeit

Always Look on the Bright Side of Life…

Dem Smog entfliehen: Tràng An und Phát Diệm

Dezemberregen in Huế: Melancholie bei Frühlingstemperaturen

Auf dem Ho-Chi-Minh-Pfad

Schöne Bescherung: Huai Kha Khaeng Wildlife Sanctuary

Werner Herzogs „Little Dieter Needs to Fly“: Die Amerikaner sind die Guten, wie immer…

Cruzando el río Đại Cồ Việt / Die Überquerung des Đại Cồ Việt / Crossing the Đại Cồ Việt River

Vom „Umgang mit Stress“: Das Deutsche Sprachdiplom II

Hanoi: Die Stadt rüstet sich für den Frieden und für den Empfang von Trump und Kim Jong-un

Auf Kreuzfahrt in der Ha Long-Bay

Expats, Nachtleben und Geld: Das Tây Hồ-Viertel rund um den Hồ Tây

Hà Giang, die zweite (aber hoffentlich nicht die letzte)

Niederträchtig, skrupellos und – spannend: Hanoi in deutschsprachigen Kriminalromanen

Spazieren durch’s Paradies: Im Ba Bể-Nationalpark

Pù Luông-Marathon: Wo Schwitzen Spaß macht!

Servus, Vietnam! Tschüss, Südost-Asien!

Bali: Trauminsel mit Verkehrsstau

Jakarta: Agenten bei der Arbeit

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Jakarta: Agenten bei der Arbeit

Nein, die Jungs oben auf dem Bild, das sind keine Agenten, sondern städtische Verwaltungsleiter aus Orten auf Kalimantan, dem indonesischen Teil der Insel Borneo (der andere Teil gehört zu Malaysia). Ich habe die Gruppe gleich nach der Ankunft in der Linie 1 des Trans-Jakarta-Busnetzes getroffen und wir wurden während eines Stündchens Stop-and-Go durch den immerwährenden Stau von Jakartas Innenstadt zu den besten Freunden. Frohgelaunte, biedere Provinzbeamte, die eine Woche lang eine anscheinend ziemlich überflüssige, urlaubsähnliche Fortbildung in der Hauptstadt Jakarta machten.

Jakarta, die Hauptstadt des Archipel-Staats Indonesien: Eine 30 Millionen-Metropole. Zusammen mit Tokio, Delhi, Manila, Seoul, Beijing, Sao Paulo, México DF eine der größten Agglomerationen des Planeten. Und trotzdem: Vom Flughafen in die Innenstadt fährt der Rail-Link nachmittags sage und schreibe fast leer. Mit mir sind nur vierzehn Passagiere an Bord eines modernen, durchgängig begehbaren Zuges, der bequem tausend Fahrgäste transportieren könnte. Sind Taxis billiger? Macht der Stau, den ich aus dem Fenster auf der Autobahn beobachte, mehr Spaß? Entlang der Gleise sehe ich praktisch durchgehend Elendsquartiere: Wellblechhütten und Behausungen aus zusammengenagelten Sperrholzplatten, vor denen Kinder im Müll Fußball spielen oder Erwachsene diesen Müll sortieren. Für den Verkauf?

Das Foto oben ist die einzige Aufnahme, die ich von Jakarta habe. Alle anderen sind gestern gelöscht worden. Wie das?

Flash-Back: Ich spaziere durch die vieltürmige City zum Eingangstor des „Monumen Nasional“, eines weitläufigen Parkgeländes, in dessen Mitte sich ein steil aufragendes, nadelspitzes Unabhängigkeitsdenkmal erhebt. Schon von weitem bemerke ich auf den Straßen vor dem Park Polizisten und eine Vielzahl von Menschen, die ganz offensichtlich für oder gegen etwas demonstrieren. Praktisch alle tragen muslimische Kleidung, die Frauen Hijab-Kopftücher, die Männer oft Burnusse oder vereinzelt auch Turbane. Das ist, glaube ich, das übliche Straßenbild in den meisten Gegenden Indonesiens. Die Polizisten lächeln mich freundlich an und erklären mir, dass das Nationaldenkmal heute leider geschlossen sei. Ich beschließe, mich stattdessen ein bisschen unter die Leute zu mischen, die sich wie bei einem Festival auf Plastikplanen auf dem Asphalt niedergelassen haben, Tee trinkend und Gebäck verzehrend. Es herrscht Volksfeststimmung, Getränkeverkäufer und fliegende Händler mit selbstgemachtem Imbiss machen die Runde. Eine ältere Kopftuch-Matrone mit einem Transparent, die in einer Gruppe von Freunden am Rand eines Grünstreifens sitzt, ruft mir freundlich lachend zu, ich solle näher komme. Sie erklärt mir auf Englisch das Transparent, das sie an ihre Schienbeine gelehnt hat: Nicht Kandidat 1 solle ihrer Meinung nach heute vom Obersten Gerichtshof zum Gewinner erklärt werden, sondern Kandidat 2. Ich lache ratlos. Keine Ahnung, wer mit Kandidat 2 gemeint sein könnte. Ich hätte mich vorab besser informieren sollen. Irgendwie dämmert eine Erinnerung herauf: War da nicht eine Wahl im April? Gab es da nicht Straßenschlachten, weil der Herausforderer meinte, um den Wahlsieg betrogen worden zu sein? Ich frage, ob Kandidat 1 oder 2 der Unterlegene war und worin eigentlich der Unterschied zwischen den beiden besteht. Nun berichten alle durcheinander: Beide hätten ein islamistisches Programm, aber Kandidat 1 würde Indonesien an die Chinesen verkaufen. Das könne so nicht weitergehen. Und deswegen seien sie jetzt hier, vor dem Gericht, und warteten auf die Entscheidung für ihren Kandidaten Nummer 2. Seinen Namen weiß ich immer noch nicht. Wir knipsen einige Gruppenfotos. Dann verabschiede ich mich und wünsche alles Gute.

Eine halbe Stunde später sitze ich in der Polizeistation am Bahnhof Gambir neben dem Monumen Nasional und muss drei grimmig dreinblickenden, jungen und durchtrainierten Zivilpolizisten erklären, für welche ausländische NGO ich agitiere, um die Wahlen zuungunsten des amtierenden Präsidenten zu beeinflussen. Man habe alles gefilmt, ich könne überhaupt nicht leugnen. Ich staune nicht schlecht und beginne, mich mulmig zu fühlen. Bin ich nun grundlos festgenommen wie Peter Steudtner oder Deniz Yücel in der Türkei? Werde ich ins Untersuchungsgefängnis gesteckt?

Ich habe nur eine Kopie meines Lehrer-Dienstpasses dabei, aber immerhin: Es handelt sich um einen “official passport“, ausgestellt vom Auswärtigen Amt in Berlin. Das scheint irgendwie eine gewisse Wirkung zu entfalten. Zwei der Polizisten fahren mich schließlich mit einem weißen Sportcoupé (auf dessen Kofferraum seltsamerweise eine amerikanische Flagge prangt) ins Hotel, damit ich meinen Pass im Original vorlegen kann. Die rasant begonnene Fahrt endet bereits nach wenigen Metern im Stau: Wir brauchen gut eineinhalb Stunden für drei Kilometer. Jakarta hat die vielleicht robustesten und langlebigsten Staus weltweit. Die Polizisten zeigen bald ihre menschliche Seite und fangen an, Videospiele auf ihren Handys zu daddeln. Ich selber analysiere meine Lage und beschließe, sollte ich aus der Sache unbehelligt herauskommen, so schnell nicht wieder nach Indonesien zu reisen, denn: Es ist schon eine arge Farce, ahnungslose Touristen als islamistisch gesinnte Agitatoren zu beschuldigen.

Ich habe den Pass vorgelegt. Er wurde mehrfach Seite für Seite fotografiert. Sämtliche Jakarta-Fotos auf meiner Kamera wurden vernichtet, nur die Jungs aus Kalimantan überlebten. Schließlich kam noch der Vorgesetzte der beiden in die Familienpension, wo die Hausfrau inzwischen völlig aufgelöst ihren Mann herbeitelefoniert hatte angesichts der sich immer weiter vermehrenden Polizistenschar in ihrer Herberge.

Zu guter Letzt schüttelten mir der Vorgesetzte und seine beiden Top-Agenten die Hand und sagten: „We apologize for the inconvenience. Can we take you to the next train station? You surely want to visit the Old City!“ Ich habe dankend abgelehnt.

Inzwischen habe ich ein bisschen nachgelesen: Der Präsident, der im Mai wiedergewählt wurde, heißt Joko Widodo. Der Gegenkandidat, der die Wahl angefochten hat, heißt Prabowo Subianto . Widodo ist gemäßigt, hat aber aus taktischen Gründen den radikalen Islamisten Ma’ruf Amin als Vizepräsident aufgestellt. Subianto ist ein noch radikalerer Islamist als dieser Vizepräsident und will die Scharia in Indonesien flächendeckend einführen. Die Entscheidung des Obersten Gerichtshofes fiel gestern zugunsten von Widodo, der nun tatsächlich weiterregieren kann. Allerdings mit Amin und weiteren Islamisten im Kabinett. Keine guten Aussichten für Indonesien!

Hier ist ein informativer Hintergrundartikel aus der FAZ. Er stammt aus dem Jahr 2017, zeigt aber sehr kenntnisreich und vielschichtig die seit Jahren wenig verheißungsvolle Tendenz für die Inselrepublik in Richtung auf einen autoritären und rückschrittlichen Islam-Staat: Marco Stahlhut (Jakarta): Was man über den Islam sagen darf

 

 

 

 

 

Bali: Trauminsel mit Verkehrsstau

Bali, das war mir bewusst, würde voll sein. Denn seit vielen Jahren wird diese Insel von den international operierenden Reiseveranstaltern weltweit angeboten (Hier eine Kostprobe von TUI). In der Tat: Als ich in spätabends vom Fährhafen Padangbai aus in Kuta ankomme, sieht das Getriebe auf den Straßen eher aus wie in Los Angeles oder Acapulco oder Marbella als wie auf einer kleinen indonesischen Insel (Bali ist halb so groß wie die Oberpfalz, hat aber viermal soviel Einwohner).

Am Tag darauf bestätigt sich dieser Eindruck: Kuta-Beach, das ist ganz eindeutig Ballermann 6 für die Australier, aber auch Jupp und Erna aus NRW sitzen schon um halb elf am Tresen und lassen sich das zweite Bierchen munden. Es gibt alles, was der Pauschaltourist sich wohl so wünscht: Gefühlte Zehntausend T-Shirt-Stände, Tatoo-Studios, Massage-Salons, Kneipen, Schnellrestaurants, Motorradverleiher, Surfschulen und Hotels. Ich ergreife die Flucht auf einem Honda-Roller, den mir Auzil, ein sehr liebenswürdiger und rührend um mein Wohl besorgter T-Shirt-Händler, für eine knappe Woche leiht (sensationell günstig: 5 Euro pro Tag ).

Auf meinen knatternden zwei Rädern gewinne ich die Freiheit, allerdings dauert es eineinhalb Stunden, bis ich dem Dauerstau des Großraums Kuta/ Denpassar (so heißt die Hauptstadt Balis) in Richtung Pulukan an der Westküste entkomme. Dort habe ich über eine Hotel-App ein Zimmer in einer Surferpension gebucht. Die langwierige Suche (Indonesier schätzen Beschilderung eher weniger, dafür scheinen sie begeistert gerne Schnitzeljagd zu spielen) lohnt sich: Ich bin der einzige Gast! Rund herum sind Reisterrassen, dazwischen grasen Kühe und Ziegen, der Strand und der Ozean sind wild und unendlich wie in der Normandie, nur wesentlich wärmer! Ein Traum! Bali hat also auch einsames Hinterland, wohin sich kaum jemand verirrt. (Hier geht es zu einer Übersichtskarte)

In den folgenden Tagen umrunde ich nach und nach die Insel, erreiche in Kilimanuk fast die Insel Java (die Meerenge ist dort nur sechs Kilometer breit), übernachte in Lovina, einem international bekannten Touristenort mit zahlreichen Resorts, und biege schließlich bei Singaraja, wo früher die holländische Kolonialverwaltung saß, in Richtung Landesinneres ab, um mich zu den zwei Seen bei Bedugul auf 1500 Meter Höhe emporzuschrauben.

Ziel dieser Tagesetappe ist Ubud, das mir von zwei Spanierinnen in Kuta ans Herz gelegt worden war: Dieses Städtchen sei der absolute Höhepunkt der Insel Bali! Sie haben recht: Ubud ist voller malerischer Winkel und praktisch jedes Haus der Altstadt ist, obwohl bewohnt, gleichzeitig ein prachtvoll geschmückter Hindu-Tempel. Rund um die Stadt (aber erstaunlicherweise auch mitten in der Stadt) erstrecken sich sattgrüne Reisfelder, dazwischen wächst dichte tropische Vegetation. Es lohnt sich, die urbane Zone zu verlassen und auf den Feldern spazieren zu gehen! Umso mehr als die Idylle im Bereich der Stadt nämlich auch eine Kehrseite hat: Ubud ist ein Touristenmagnet, so gut wie jeder Bali-Besucher macht einen Ausflug hierher und entsprechend zähflüssig und abgasschwanger ist der Verkehr.

Ich möchte gerne wieder nach Bali, trotz der Mühen bei der Fortbewegung. Die Menschen sind ausnahmslos freundlich und hilfsbereit, obwohl die meisten am Rande der Armutsgrenze dahinwirtschaften als Gelegenheitstaxifahrer, Wäscherin, Streetfood-Köchin, Souvenir-Verkäufer. Sie leben ihre Religion und ihre Hindu-Kultur mit Begeisterung – ohne die geringste Spur von Intoleranz gegenüber den Muslims, die es auch auf Bali gibt. Sie sind aber auf dieser Insel in der Minderheit, während im gesamten Staat Indonesien die Mohammedaner mit 90 Prozent die Hauptreligionsgemeinschaft stellen. Die Hindus Balis mussten nach der Unabhängigkeit 1945 mehr als ein Jahrzehnt mit der Intoleranz des islamistisch dominierten Religionsministeriums kämpfen, das ihnen wegen angeblicher Vielgötterei die Staatsbürgerschaft und das Wahlrecht verweigern wollte. Erst als sie durch eine sprachlich listige Formulierung das allumfassend Göttliche als „unteilbar“ erklärten, gewährte ihnen Jakarta 1958 ihre Bürgerrechte. Monotheisten können ganz schön rechthaberisch sein…

 

Servus, Vietnam! Tschüss, Südost-Asien!

Wenn ich als Bayer mal wieder in Bayern bin, amüsiere ich mich immer über eine Redensart der Leute: Viele sagen nämlich leicht seufzend im nachhinein, egal, ob etwas eher eine lästige Pflicht oder die Sache ausgesprochen vergnüglich war: Sooo, na waar des aa wieda ummi (So, dann wäre das auch wieder vorbei!)

Bei mir ist nun der Zeitpunkt nicht mehr fern, an dem ich mich für längere Zeit von Vietnam, seinen Nachbarn und den sympathischen Menschen allenthalben verabschieden muss. Und wenn ich am 30. Juni in Berlin-Tegel (ja, den Flughafen gibt es noch immer) landen werde, werde ich sicher nicht seufzend verlautbaren, dass die drei Jahre Vietnam nun endlich vorbei sind. Im Gegenteil, ich werde ganz trocken feststellen: Ich möchte da wieder hin.

Am 31. Mai bin ich zum vorläufig letzten Mal mit meinem Stamm-Shuttle von Vietjet-Air zum Flughafen Hanoi getuckert und habe mit nur sechs Kilo Übergepäck (stramme 2 Millionen Dong hat das gekostet, 8o Euro) den Flug nach Bangkok angetreten. Dort habe ich wie weiland Blasius der Spaziergänger von der Münchner Abendzeitung drei Tage lang einen auf Flaneur gemacht. Es war hochinteressant, wie immer in der Thai-Metropole. Es war auch ziemlich heiß, aber das kenne ich ja aus Hanoi. In Bangkok hat mich am meisten das „Museum of Siam“ beeindruckt, wo die Thai-Identität dargestellt wird, und zwar ohne auch nur ein Wort über Geschichte, Politik oder Sprache zu verlieren. Es geht höchst spielerisch und interaktiv fast nur um das Essen, die Religion und den König. Es ist fast wie daheim in Bayern gewesen. Da geht es auch immer um Schweinshaxen, den Herrn Bischof und insern Kini Ludwig. Und, anders als im Königreich Siam, geht es ums Bier (selbiges darf man in Thailand übrigens zwischen 13 und 17 Uhr nicht im Supermarkt kaufen…).

Dann fuhr ich nach Chiang Mai in Nordthailand zu Bodo Förster. Dem Elefantenflüsterer. Er flüstert allerdings so gut wie nie, im Gegenteil: Er kartätscht die Elefanten und seine Angestellten akustisch regelrecht nieder, mit einer Stimme, gegen die die Trompeten von Jericho wohl verzagt und schüchtern klangen. Aber er meint es nicht so. Oder doch? Eigentlich habe ich ihn nicht verstehen können, denn er spricht sowohl Thai als auch die Sprache der Angehörigen der Karen-Minderheit, die bei ihm arbeiten. Auf Deutsch klang alles, was der gute Bodo sagte, gemütlich thüringerisch. Er kommt aus Saalfeld und war als Jugendlicher in der DDR angeeckt, sodass er sich klugerweise in den Kuhstall zurückzog, bevor er in Bautzen landete. Er blieb aber kein LPG-Arbeiter, sondern konnte bald darauf im Tierpark Ost-Berlin als Tierpfleger anheuern und spezialisierte sich dort auf Elefanten. Ab 1990, als das freie Reisen für DDR-Bürger möglich wurde, machte er sich auf nach Südost-Asien und erlernte auf abenteuerliche Weise das Handwerk der Mahout. So nannten die Briten in Indien die Führer von Arbeitselefanten.

Bodo hat vieles mitgemacht und erlebt. Er wurde von vietnamesischen Kommunisten als Spion verhaftet und verurteilt. Er verhandelte im Grenzgebiet zu Kambodscha mit den Massenmördern der Roten Khmer über Genehmigungen zum Elefantenkauf. Er kniete bei einer Audienz vor Königin Sirikit (oder deren Tochter?). Er kaufte mit dem letzten Geld seinen ersten eigenen Elefanten- als dieser wenige Tage danach vom Blitz erschlagen wurde, war er nicht nur pleite, sondern auch von Trauer übermannt. Als Möbelschrauber beim Berliner Einrichtungsgrossisten Hübner verdiente er wieder das Nötigste, um seinen Traum von einem Unternehmen zu verwirklichen, das interessierten Touristen einen naturnahen, sachgerechten, unromantischen Umgang mit Elefanten ermöglicht – einschließlich Reiten ohne Sattel und mehrtägigen Trekking-Touren. Ich habe viel von Bodo, seinen Leuten und seiner Elefantendame Mae Gaeo (Jahrgang 1958) gelernt. Er hat das operative Geschäft mittlerweile zum Teil an seinen Sohn Roger übergeben. Eine Ehre für mich ist, dass er mich, obwohl Lehrer und ein intellektuelles Weichei, für nächstes Jahr zum „Elefantentreck der Wiederholungstäter“ eingeladen hat. Acht Tage ohne Zelt. Wie früher. Bodo, das wird super! Hier sind zwei Links für Interessierte: Ein Spiegel-Artikel von Thilo Thielke und die Webseite von Elephant-Special-Tours in Mae Sa Pok bei Chang Mai in Nordthailand.

Und nun bin ich auf Lombok, einer der 17.000 Inseln, aus denen sich der Staat Indonesien zusammenfügt. Es ist ruhig hier, der Massentourismus hat sich noch nicht breit gemacht. Es gibt eine Reihe von Stahlbeton-Rohbauten, aber große Hotels sind kaum vorhanden. Man wohnt als Reisender in kleinen Familienbetrieben. Recht so. Ich will vor allem eines: Nichts tun und in die Landschaft und aufs Meer schauen. Wie es aussieht, wird mir das gelingen. Gestern bei der Ankunft am Flughafen hatte ich so meine Zweifel: Ich brauchte im Stau fast zwei Stunden für die 15 Kilometer bis zum Hauptort Kuta. Inzwischen weiß ich: Das waren Einheimische, die das Ende des Ramadans feierten. Komischerweise im Auto und auf den Ladeflächen von Kleintransportern. Heute war alles wunderbar entspannt und dörflich. Nur der Ruf des Muezzins unterbricht ab und zu die Stille.

Heute kam auch diese herzergreifende Mail von einer meiner Hanoier Schülerinnen:

Lieber Herr Havel,

Danke für ihre E-Mail. Im Sommerferien, checke ich die E-Mail-Postfach nicht so oft, deshalb habe ich heute diese E-Mail erhalten. Entschuldigung für meine verspätete E-Mail-Antwort ! 

An dieser Stelle möchte ich mich bei Ihnen noch einmal dafür bedanken, dass Sie mir all die Jahre als Vorbild und Wegweiser gedient haben und neben dem Lehrstoff viele wichtige Aspekte des Lebens an uns Schüler vermittelt haben: Zwischen Tafelbildern und Folien, zwischen Hausaufgaben und Referaten haben Sie uns beigebracht, dass Humor, Offenheit und Freundlichkeit ebenfalls wichtige Aspekte des zwischenmenschlichen Zusammenlebens sind und dass neben Wissen auch Fantasie und Kreativität eine wichtige Rolle spielen.

Danke für die schöne Zeit! Ich wünsche Ihnen alles Gute und viel Glück auf ihrem weiteren Lebensweg!

LG, 
Linh Chi.
Liebe Linh Chi, Du sprichst stellvertretend für alle, die mir in Vietnam und seinen
Nachbarländern so wunderbar freundlich und zugetan begegnet sind. Alles, was Du
schreibst, hast Du und haben die Menschen hier auch mir gegenüber gezeigt:
Offenheit, Humor, Fantasie, Kreativität. Und eine Menge Wissen habe ich auch
noch geschenkt bekommen. Danke!

 

 

 

Pù Luông-Marathon: Wo Schwitzen Spaß macht!

„Marathon? Das ist doch dieser kollektive Wahnsinn, bei dem man wie ein Lemming im Rudel 42 Kilometer über eine Asphaltroute hetzt… Ohne mich!“ So habe ich bis vor kurzem jeden Vorschlag, einmal bei einem dieser Laufevents teilzunehmen, von mir gewiesen. Vietnam und die gut gelaunte Just-Do-It-Mentalität seiner Bewohner haben mich auch hier zum Umdenken bewegt. Mein Kollege Andreas fuhr vor ein paar Wochen mit dem Motorrad durch den Pù Luông-Nationalpark, 140 Kilometer westlich von Hanoi, angrenzend an das bekannte Touristenziel Mai Châu. Er war begeistert von der bezaubernden Landschaft, den freundlichen Menschen – und von der Idee, am 25. Mai am Vietnam Jungle Marathon 2019 im Pù Luông-Nationalpark teilzunehmen. Denn darauf hatte ihn ein Einheimischer aufmerksam gemacht. Also meldeten wir uns an (online, 69 USD). Als Greenhorns, die noch nie weiter als 6 Kilometer im Park gejoggt sind, natürlich nicht für eine Langstrecke (es gibt 10 km, 25 km, 42 km, 55 km und 70 km zur Auswahl), sondern für die kürzestmögliche Variante.

Am letzten Samstag war es dann soweit. Insgesamt knapp 1000 Teilnehmer aus aller Herren Länder gingen an unterschiedlichen Orten des Nationalparks an den Start. Wir Faulenzer von der Kurzstrecke, 65 Männer und 103 Frauen, müssen erst um 8:30 antreten, während die 70 km-Ultra-Langstreckler schon irgendwann gegen 3 mit Stirnlampen in den Wettbewerb gegangen sind. Die Teilnehmer bei den anderen Distanzen jeweils etwas später. Als erstes wird den Kurzstrecklern kurz vor dem Warm-Up um Viertel nach acht eröffnet, dass die Zehn-Kilometer-Piste nun doch zwölf Kilometer lang sein wird. Irgendwie habe ich insgeheim mit so etwas gerechnet, denn in Vietnam kommen Änderungen so sicher wie das Amen in der Kirche, und zwar meistens in letzter Sekunde. Wir nehmen die Nachricht mit Humor auf, hören uns voll Genugtuung die Disqualifikationsregeln an (verboten sind: Abfälle in die Landschaft werfen und per Anhalter fahren) und traben dann los.

Die Ankündigung der Koordinatoren, dass wir auf einem der schönsten Trails von Vietnam unterwegs sein werden, bewahrheitet sich in spektakulärer Weise und es fällt mir schwer, im eiligen Renn-Modus zu bleiben angesichts der landschaftlichen Schönheit. Wir laufen über Stock und Stein ins Tal, überqueren, auf Felsen balancierend, Bäche und erklimmen zwischen Farnen und Bäumen Kuppen. Wir durchqueren Weiler, wo uns aus den Stelzenhäusern Kinder zuwinken. Ab und zu können wir bei einheimischen Streckenposten Wasser auffüllen und Wassermelonenspelten lutschen. Es ist heiß, so um die 35 Grad, und die drei Kilometer lange, weitgehend flache Straßenetappe wirkt erholsam nach dem steilen Anstieg im Wald.

Das Feld der Läufer ist bald weit auseinandergezogen, so dass ich völlig auf mich gestellt laufe und das Gefühl habe: Das ist gar keine Massenveranstaltung. Erstaunlich: Die Zeit vergeht sehr schnell, ich habe den Eindruck, als sei ich nur 20 Minuten unterwegs gewesen, als an einem Fluss ein Transparent ankündigt, dass nun die letzten zwei Kilometer beginnen. Das spornt an! Vor mir taucht Quanh, ein vietnamesischer Teilnehmer, auf, der gerade mit dem Laufen aufgehört hat und offensichtlich im Schritttempo weiter in Richtung Ziel gehen will. Doch als er mich herankeuchen hört, geht ein Ruck durch seine Glieder und er mobilisiert noch einmal alles, um mir wie ein Hase davonzuwetzen. Wir erreichen nur wenige Meter voneinander getrennt die Zielgasse und sind nach einer Stunde und 41 Minuten am Ende der Strecke und auch am Ende unserer Kräfte.

Das Ziel für die Läufer aller Distanzen ist inmitten eines Dorfes aufgebaut. Es herrscht Kirmesstimmung, die Veranstalter feuern mit Lautsprecherdurchsagen und Rockmusik und mit den vietnamesischen Signal-Trommeln die Läufer*innen auf der Zielgeraden an. Wir bekommen Kürbissuppe und Süßkartoffeln und viele andere leckere Dinge kredenzt, sitzen an Plantschbecken mit Eiswasser und kühlen unsere Füße. Einige Crew-Mitglieder bieten Waden-Massagen an. Als um halb eins die Ankunft des Japaners Hisashi Kitamura angekündigt wird, werden alle aufmerksam: Der Ärmste läuft nach achteinhalb Stunden und 70 Kilometern über die Ziellinie, fällt aber den Ärzten praktisch in die Arme und wird umgehend zur Wiederbelebung in das Sanitätszelt getragen. Fünf Minuten später kommt die Zweite an, die Slowakin Veronika Vadovikova, jubelt uns zu und sieht aus, als ließe sie sich gerne zu einem Tänzchen auffordern.

Auf dem Bild oben sind zu sehen: Mein Kollege Andreas, mit dem ich hier in Vietnam so manche schöne Reise unternommen habe, und Hà, meine treue und liebe vietnamesische Freundin. Danke euch beiden für die Begleitung zum Pù Luông-Marathon und für alle die anderen wunderbaren Momente!

Ergebnisse der 12-Kilometer-Kurzstrecke

 

 

 

Spazieren durch’s Paradies: Im Ba Bể-Nationalpark

Sehr geschätztes Höheres Wesen, das manche verehren! (Früher hätte ich hier geschrieben: Lieber Gott! – Aber das bekomme ich seit geraumer Zeit einfach nicht mehr fertig…)

Ich sitze gerade auf der Terrasse meines Homestays in dem 300-Seelen-Flecken Pác Ngòi und blicke auf das Flüsschen Leng. Gegenüber, jenseits des Maisfeldes, grüßt grün und beruhigend der dichte Urwald von dem Höhenrücken – über ihm das vielstimmige Flirren und Zirpen, das immer über der Tropenvegetation schwebt wie eine Sinfonie. Die Abendsonne schickt schon kühleres Licht und nur noch vereinzelt staksen französische Touristen über das am Fluss entlang führende Sträßchen in Richtung irgendeiner Familienpension. Ab und zu tuckert ein Bauer auf seiner Honda vorbei mit einem Schwein oder einer Rispe Bananen auf dem Gepäckträger. Oder es zischt eine mit drei oder vier unbehelmten Halbstarken besetzte Yamaha vorüber. Ich sitze und sehe auf diese Landschaft und sage mir: So war das wohl! So muss das Paradies ursprünglich von Dir beabsichtigt gewesen sein!

Doch dann sehe ich die Schwiegermutter und die Ehefrau meines Landlords (die Familie gehört zur ethnischen Tay-Minderheit) auf dem Bambussteg vor dem Haus. Sie haben große Blechschüsseln in die Hüften gestemmt, in denen sich rote Tischdecken und weiße Laken stapeln. Sie steigen in das knietiefe Wasser und schwenken die Wäschestücke in der Strömung des Leng, befördern sie dann zurück in den Trog, schütten Waschpulver dazu und kneten und treten sie, bis es ausgiebig schäumt. Anschließend spülen sie den Schaum gewissenhaft aus und am Schluss kippen sie mit energischem Schwung den Rest der Lauge aus dem Trog in den Fluss. Einige Schritte flussaufwärts hat sich währenddessen eine untersetzte ältere Nachbarin mit Kopftuch genähert und wirft, gleichfalls mit energischem Schwung, eine Plastiktüte voll Unrat ins Wasser. Wenig später treibt die Strömung den Müllbeutel an den Bambussteg und zwischen die Beine der Wäscherinnen. Sie nehmen keinerlei Notiz von dem Treibgut.

Liebes Höheres Wesen, das manche verehren. Ich habe gerade in Wikipedia den Artikel „Erbsünde“ aufgerufen und gelesen. Da geht es ja auch um das Paradies und wie wir es durch den fahrlässigen Appetit Adams und Evas auf einen Apfel verloren haben. Seitdem steht anscheinend für immer fest, dass „alle Menschen in Nachfolge des Adam, mit Ausnahme von Maria (der Mutter Jesu) von der Erbsünde betroffen sind“. Was ist die Erbsünde? Ich persönlich denke inzwischen, dass es kein theologischer „Unheilszustand“ ist (wie uns der Religionslehrer Ederer seinerzeit einreden wollte), sondern dass es sich vielmehr um einen ganz anderen „Unheilszustand“ handelt, nämlich den, dass die Menschen auf dem ganzen Erdenrund, und natürlich auch in Ba Bể, eine geradezu blödsinnige Menge an Müll produzieren, den sie dann unbekümmert in die strömende Fortbewegung (eines Flusses oder der städtischen Müllentsorgung oder der Zeit) werfen, weil diese den Unrat in magischer Weise verschwinden lässt.

Du hast das nett eingerichtet, oh Höheres Wesen, das manche verehren. Wir Menschen sind nicht für das Paradies gemacht. Da könnte ja jeder kommen. Deshalb hast du neben dem Paradies auch den Müll erschaffen, der uns Menschen genau wie unser Schatten überallhin folgt und alle Paradiese vergiftet. Ich habe das in dem Garten Eden von Ba Bể vier Tage lang beobachten können. Der Müll landet im Fluss. Dieser transportiert ihn in den Hồ Ba Bể, den größten natürlichen See Vietnams (er ist neun Kilometer lang), wo er sich in 35 Metern Tiefe ablagern kann. Die Bewohner der Dörfer im Nationalpark haben auch noch eine effiziente Alternative der Müllentsorgung entwickelt: Sie fahren mit dem Moped an einer Böschung vorbei und kicken den Plastikbeutel ins Unterholz. Wer die Farnwedel hochhebt, sieht die gärende Halde, das Mal der Erbsünde. Oft ist es auch zu riechen, denn viele Hausbesitzer machen aus ihrem Abfall ein zünftiges Brandopfer direkt an der Straße, bisweilen in einem grob gemauerten Verbrennungsofen, der einem Altar ähnelt.

Zusätzliche Informationen zum Nationalpark finden sich unter diesem Link.

 

 

 

Niederträchtig, skrupellos und – spannend: Hanoi in deutschsprachigen Kriminalromanen

Es muss nicht immer New York oder London, Hamburg, Erfurt oder gar Saarbrücken sein! Hanoi ist mindestens genauso geeignet als Tatort von Verbrechen jeder Art, und die Stadt ist sicher verwirrender, unübersichtlicher und undurchschaubarer als so manche deutsche Landeshauptstadt. Ich war bisher noch in keiner Metropole, die so sehr Asphaltdschungel ist und gleichzeitig um die nächste Ecke so radikal zur Dorfidylle mutieren kann.

Der erste Hanoi-Krimi, der mir in die Finger kam, war der des Journalisten David Frogier de Ponlevoy, der mehrere Jahre in Hanoi lebte und alles mögliche trieb, um seinen Unterhalt zu verdienen (u.a. als Reiseleiter und PR-Berater sowie Ausbilder von Nachwuchsreportern). Er kennt die Stadt und hat die Leute dort sehr genau beobachtet und fängt das unverwechselbare Ambiente, die Gerüche (Suppensud, modriger Abfall, Papierbrand, Urin, Motorradabgase, tropische Früchte), die Geräuschkulisse (Hupen, Knattern, winselnde Karaoke-Gesänge, lautstarke Marktauseinandersetzungen usw.)  und die Hektik so ein, dass man als Bewohner, der diese Stadt und sich selbst in ihr in allen Facetten wiedererkennt,  fasziniert eine Seite nach der anderen verschlingt.

Ganz genauso erging es mir bei der Lektüre der drei Romane von Nora Luttmer, die neben den detailgenauen Atmosphäreschilderungen mit Kommissar Ly auch noch eine sympathische und glaubwürdige Detektivfigur geschaffen hat, die durch ihre privaten und beruflichen Probleme (Ehekrise, halbwüchsige Kinder, Verteidigung des Berufsethos gegen die Anfechtungen der Korruption, Auseinandersetzungen mit pingeligen, kommunistischen Vorgesetzten) tief in die Hintergründe der vietnamesischen Gesellschaft blicken lässt. Nora Luttmer hat Südost-Asien-Wissenschaften studiert und ist im Laufe der Jahre Hanoi regelrecht verfallen. Sie spricht anscheinend sehr gut Vietnamesisch, denn viele Details und charakterlichen und kulturellen Eigenheiten der Menschen, die sie schildert, kann man wohl nur in Erfahrung bringen, wenn man die Landessprache wie ein Einheimischer beherrscht.

Die Themen und die Verbrechen der vier Romane sind leider nicht an den Haaren herbeigezogen, sondern können sich so oder ähnlich mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit in Hanoi und Vietnam ereignen: Es geht um Tests von Medikamenten an nichtsahnenden Patienten (die Präparate wurden von multinationalen Konzernen entwickelt); es geht um illegalen Handel mit geschützten tropischen Tieren; es geht um Entführung und Prostitution Minderjähriger; es geht um Landenteignung, bei der mittellose Bauern für ihre Äcker von korrupten Beamten lächerliche Beträge erhalten. Diese veräußern das Bauland anschließend jedoch für ein Hundertfaches an  ausländische Baulöwen.

Hier die Daten zu den Büchern und kurze Klappentexte zum jeweiligen Inhalt! Viel Spaß bei der Lektüre!

David Frogier de Ponlevoy: Hanoi Hospital, Conbook-Verlag, Neuss 2015, 352 Seiten, 978-3-943176-91-9, € 12,95

Inmitten des Lärms der pulsierenden Hauptstadt Vietnams erschüttert plötzlich eine Reihe unerwarteter wie mysteriöser Todesfälle die Krankenhäuser in Hanoi. Auf den ersten Blick haben die Opfer wenig gemeinsam, doch nach und nach verstricken sich durch sie die unterschiedlichsten Schicksale. Die junge Journalistin Linh, Wirtschaftsstudentin Anne und Gelegenheitsarbeiter Tuan finden sich plötzlich in einem Geflecht aus Lügen und Ungereimtheiten wieder, vor dem die Medien die Augen verschließen und das auch vor Staatsinstanzen nicht Halt macht. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den einzelnen Todesfällen? Und was passiert hinter den stummen Wänden und fleckigen Vorhängen des Hanoi Hospitals?

Ein packender Krimi, in dem Welten aufeinanderprallen: Die Idylle vietnamesischer Reisfelder mit der Fortschrittlichkeit lärmender Metropolen. Die Identitätszweifel einer Deutsch-Vietnamesin mit dem Patriotismus der konservativen vietnamesischen Großfamilie. Hanoi Hospital taucht tief ein in das hektische Großstadtreiben Hanois und die Abgründe medizinischer Korruption durch die Kollision von arm und reich.

Nora Luttmer: Schwarze Schiffe, Aufbau-Taschenbuch-Verlag, Berlin 2013, 233 Seiten, 978-3-7466-2907-0, € 9,99

Hanoi, Mitte Mai. Die Stadt ist heiß und stickig. Hauptkommissar Pham Van Ly will eigentlich nur raus aufs Land, doch da wird im Hof eines Tempels eine junge Frau ermordet aufgefunden. Ihre Tätowierung und der Tatort weisen auf Prostitution hin. Die ersten Spuren führen zu den Schiffern auf dem Roten Fluss. Als noch ein Mädchen vermisst wird, muss Ly nicht nur gegen die Zeit kämpfen, sondern auch gegen einen Verbrecher, der allem Anschein nach über beste Beziehungen verfügt.

Nora Luttmer: Der letzte Tiger, Aufbau-Taschenbuch-Verlag, Berlin 2013, 282 Seiten, 978-3-7466-2961-2, € 9,99

Die Monsunzeit findet kein Ende, Hanoi steht unter Wasser. Truong, Tierpfleger und alter Freund von Kommissar Ly, wird tot aufgefunden. Stromschlag, heißt es. Doch Ly glaubt nicht an einen Unfall und ermittelt privat – bis ihm ein anderer Fall übertragen wird. Ein junger Mann ist an den Folgen eines Tigerangriffes gestorben. Und das mitten in Hanoi. Er hatte das Tier auf dem Rücksitz seines Wagens transportiert. Offenbar gehörte der Tote zu einer Bande, die Schmuggel mit wilden Tieren betreibt. Bei einer Hausdurchsuchung stößt Ly auf weitere Tiere und erkennt, dass ein Riesengeschäft im Gange ist: wilde Tiere als Heilmittel und Delikatesse.

Ly kommt ein Verdacht. Hat Truongs Tod auch mit etwas mit illegalem Tierhandel zu tun? Gehören beide Fälle vielleicht sogar zusammen? Als Ly die entscheidenden Verbindungen erkennt, muss er seine Familie und sich selbst in höchste Gefahr bringen, um die Hintermänner zu fassen.

Nora Luttmer: Totenkranz, Aufbau-Taschenbuch-Verlag, Berlin 2015, 256 Seiten, 978-3-7466-3161-5  , € 9,99

Tödliches Neujahrsfest: Hanoi, Ende Januar. Zehn Wochen war Kommissar Ly suspendiert. Dann holt ihn sein Chef, Parteikommissar Hung, in der Neujahrsnacht zurück in den Dienst. Während die Stadt feiert, wird eine alte Frau tot auf einer Baustelle aufgefunden. Nur wenige Stunden später stirbt ein chinesischer Immobilieninvestor an Rattengift. Was zuerst nach Unfällen aussieht, erweist sich bald als Beginn einer Mordserie. Ly stößt auf eine Gemeinsamkeit aller Fälle: In den Wohnungen der Toten liegen Weidenkränze.

Einige Zusatzinformationen zu den Autoren:

https://www.conbook-verlag.de/autoren/david-frogier-de-ponlevoy/

https://www.noraluttmer.de/

Hà Giang, die zweite (aber hoffentlich nicht die letzte)

In der abgelegenen, wunderschönen Provinz Hà Giang im Nordosten des Landes war ich vor zwei Jahren schon einmal für drei viel zu kurze Tage. In diesem Frühling meinten es die vietnamesischen Schulleitungsgötter auch wieder gut und schenkten mir ein langes Wochenende Freiheit, just als mein Sohn Vincent und sein bester Freund Michael in Hanoi eingetroffen waren.

Wir verabredeten uns um elf Uhr vormittags in Mỹ Đình, einem der sieben Busbahnhöfe Hanois,  (es ist nicht einfach, herauszufinden, von wo aus welches Transportmittel wohin fährt, die allermeisten Bewohner Hanois sind ratlos, wenn man sie nach Überlandbussen fragt, und auch im Reisebüro lächelt man verlegen und fängt dann an, hektisch zu telefonieren, um etwas herauszufinden …). Eigentlich sah mein Plan eine Fahrt nach Mai Châu vor, vier Stunden westlich in Richtung Laos. Da aber der Bus dorthin erst um zwei starten würde, entschied ich mich spontan um und kaufte drei Fahrkarten nach Hà Giang, als auf der Anzeigetafel die Abfahrtszeit des Busses dorthin aufleuchtete: 11:05. In Vietnam ist die Bereitschaft zu flexiblem Denken und Handeln eine große Erleichterung im Alltag. Alles funktioniert. Irgendwie. Irgendwann. Dann aber manchmal sogar besser als ursprünglich erwartet.

Um 17:30 kommen wir an und finden auf dem Weg zum Hotel heraus, dass es sehr viele Mopeds und Roller günstig zu mieten gibt! Wunderbar: Wir werden also die 150 Kilometer Gebirgsstrecke nach Đồng Văn (1700 Meter hoch gelegen) wie fast alle Backpacker hier als Easy-Rider zurücklegen und dann den Loop über Mèo Vạc vollenden. Leider warnen die Verleiher, dass die in der Regel untätige Polizei seit einiger Zeit eine neue Einnahmequelle entdeckt hat und am Ortsausgang von Hà Giang eifrig kontrolliert, wer einen internationalen Führerschein dabei hat. Den habe ich nicht und auch mein nationaler liegt in Hanoi. Die Jungs haben auch keinen. Der Klügere gibt nach: Wir besteigen am folgenden Morgen den Bus für die Einheimischen (meist Angehörige der Ethnien der Grünen H’mong und der Schwarzen Dao) und lassen uns in sechs Stunden nach Mèo Vạc schaukeln. Im Bus gibt es erheblich mehr Schnittblumenbündel, Maschinenteile, Reissäcke und Gemüsekartons als Passagiere, und der Kassierer lässt den Fahrer unzählige Male anhalten, um Päckchen und Pakete an am Straßenrand Wartende auszuhändigen. Wir sind mitten drin im Leben dieser Menschen, und nach einiger Zeit werde ich sogar von einer anlehnungsbedürftigen, jungen Mutter mit Säugling als Bewacher ihres Schlafes adoptiert. Die Mitreisenden blicken freundlich drein, ab und zu erbricht man sich in Plastiktüten. Die Pässe sind kurvig. Die Hochplateaus atemberaubend weit und licht.

In dem Kleinstädtchen Mèo Vạc herrscht reges Treiben und praktisch alle Einwohner arbeiten als Händler. Es gibt Markt am Tage und es gibt einen Nightmarket. Verkauft wird alles, was Chinas Industrie produziert. Ich halte vergeblich nach Handwerkserzeugnissen der Minderheitsvölker Ausschau.

Wir mieten nun doch Mopeds in der Hoffnung, dass hier im Hinterland die Polizei wieder in der landesüblichen Lethargie versunken bleibt. Die 22 Kilometer lange Strecke zwischen Mèo Vạc und Đồng Văn könnte man auch wandern. Ja, man sollte es sogar tun: Der Verkehr ist dünn und die Landschaft und die Aussicht sind sublim. Wir diskutieren das. Aber die Jungs und ich entscheiden uns schließlich für die gleichzeitig abenteuerlichere und bequemere Variante, denn wir wollen schließlich auch noch bis zur chinesischen Grenze vorstoßen, wohin weitere 20 Kilometer zurückzulegen sind. Leider hat meine kleine Yamaha keine Automatik und die Gangschaltung funktioniert recht ruppig – gemeinsam kriegen wir diese Problemchen der Mechanik in den Griff. Es wird ein großartiger Tag und der ganze Ausflug ist ein spannendes Vergnügen! Danke, Vincent, danke, Michael!